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Die Kunst bestand nun darin, das weg zu lassen, was mir nicht gefiel, um das Ergebnis mit dem zu vermischen, was mir gefiel. Auf diese Weise bildete sich nach und nach ein eigenständiger, homogener Stil heraus.
Somit war alles klar: Ich hatte über die Jahre bereits all das entwickelt, was sich gerade als lebensbejahenden Sinn offenbarte - den eigenen Klang, die eigene Musik! Ich hatte es bloß durch die alltäglichen Ablenkungen vergessen, oder Es hatte seine Zeit gebraucht, um sich zur richtigen Zeit zurück zu melden.
Jetzt fehlten nur noch zwei Dinge: Exorbitanter Mut, alles eiskalt zu realisieren; tja, und Musiker, die versiert und ausreichend geistig gestört waren, mit klassischer Notenvirtuosität und balkanischer Leichtigkeit, brachiale Metalsounds zu
verursachen, und daran Spaß zu haben.
Und sie kamen tatsächlich:
Pulp Fiction
Als erstes traf ich in einer Einkaufschlange Tim Neuhaus. Nach der ersten gemeinsamen Sympathie, verbanden uns bald erlebte Beziehungen zu bulgarischen Frauen; humoreske Ansichten zu zwischenmenschlichen Attitüden; der Ausdruck des Erwachsenseins, betont durch die Bewahrung eines spontan infantilen Verhaltens; italienisches Essen, und – die Art und Weise, das Drumset, neben seiner begleitenden Funktion, im Besonderen musikalisch aufzufassen. Außerdem spielte er Schlagzeug bei der „BlueMan“-Group, was eine gewisse alternative Vielseitigkeit versprach. Nachdem ich sah, dass all das eine förderliche Basis für eine schöne Freundschaft war, spielte ich ihm mein Demo vor. Darauf sagte er: „Geile Scheiße, Mann, wenn du einen Drummer brauchst, will ich unbedingt dieses verrückte Zeug spielen!“
Bei einem Hochschulworkshop für Balkanmusik (der von einem amerikanischen Professor aus Kalifornien gegeben wurde), lernte ich einen Klarinettisten mit dem weniger balkanischen Namen Thorsten Müller kennen. Er trällerte Nacht für Nacht in einer seltsamen Gruppe namens „Der singende Tresen“ Klezmermusik, und das praktisch für ein Honorar von einem Glas Wein. Da ich ihm immer leckeren Kaffee kochte und er bei mir kostenlos seine E-Mails abrufen konnte, kam er zu jeder Probe.
Franka Lampe wohnte bei mir um die Ecke, war jedoch nie erreichbar, weil sie ständig irgendwelche Akkordeonkurse in ganz Deutschland geben musste.
Daniel Bätge war weit weg in Weimar zu Hause und musste zudem andauernd mit „Clueso“ auf Konzerttournee. Deshalb übten wir den Basspart erstmal schön aufwendig in theoretischer E-Mail-Form über's i-net.
Kristina Lösche-Löwensen spielte Rockvioline in der Berliner Theatergruppe „a rose is“, wurde aber plötzlich schwanger und schrieb mir entschuldigende SMS’ aus Südfrankreich.
Vladimir Karparovs Vater und meiner waren zusammen in der Armee. Daher spielte Vlado bedingungslos das Sopransax für mich ein und ich half ihm dagegen beim Umzug in einer ziemlich fensterlosen, dafür aber preiswerten Neuköllner Wohnung. Später stellten wir uns auch noch als Cousins achten Grades oder so heraus.
Den Oboenpart, die Rhythmusgitarre und den Gesang musste ich übernehmen.
Mut zur Realität
Da Leute, die ganz andere Musikrichtungen hörten, gleich ekstatisch auf mein Demo reagierten, begann ich unruhig zu werden, da das Konzept aufzugehen schien. Nun musste ich es irgendwie schaffen, allein und mit weniger als das vorhandene Low Budget ein Album zu produzieren. Wie dabei Fantasie zur Realität mutieren kann, möchte ich gern der Vorstellungskraft des Lesers überlasen.
Aus all diesen Umständen heraus entstanden extrem aufwendig, sehr langsam, aber mit permanenter Heiterkeit die Aufnahmen für die erste Xell-Platte. Dagegen waren die neuen Herausforderungen, die ich nun mit dem drangsalierenden Arbeitsamt, der kontoimplodierenden Studiostromrechnung, oder den Verwandten und Bekannten hatte, welche mich als leicht gestört zu bezeichnen begannen, relativ gering bis mäßig.
So wurde das Leben zunehmend spannender, finanzloser, aber dafür auch mit dem netten Gefühl eines positiven Sinns versehen. Ich glaube man könnte das schon als eine Art Kurs in Richtung Glücklichsein bezeichnen.
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