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Am Anfang war das (Schimpf) Wort
Als ich 16 Jahre alte wurde, schimpfte meine Großmutter immer öfter mit mir: "So wirst du nie glücklich werden, mein Junge, du hast nur Papageien und Katzen im Kopf! Werde vernünftig, bleib in Deutschland und such dir eine ordentliche Arbeit, dann hast du ein gutes Einkommen und bald auch ein schönes Mädchen, dass dich heiraten wird!"
Seitdem habe ich Zierfische in großen Aquarien gezüchtet, Wellensittiche und Katzen gesammelt, Oboe an der HSfM in Weimar studiert, in 3 Bands Rockmusik gesungen, in vielen Ensembles tonale und a-tonale Musik gespielt, eigene Fotokunst in Galerien ausgestellt, Auftragsballettmusik und Erzählungen geschrieben, fruchtlose Versuche unternommen nach Bulgarien, Griechenland und New Orleans auszuwandern, bis ich schließlich resigniert für das deutsche Fernsehen Werbetrailer produzieren ging, bzw. vernünftig in einem Kammerorchester eine Stelle als Oboist annahm.
Somit kam letztendlich das eigene Geld tatsächlich, aber damit auch zwei massiv unangenehme Fragen: Warum machte es mich verdammt noch mal nicht glücklich und wo war das schöne Mädchen, das mich heiraten sollte!?
Kontemplation
Das süßlich brave Postkartenbild von einem anständig geführten Berufsleben mit geregelter Urlaubszeit und Rentenversicherungsnummer, hübsch im biederen Alltag gesellschaftlicher Konventionen gerahmt, ließ mich immer seltener euphorisch reagieren. Es fehlte etwas, das einen persönlichen Sinn ergab. Es fehlten irgendwie Leidenschaft, Energie und der melodramatische Geschmack von Freiheit bei dem was ich tun sollte.
Also gab ich kurzerhand alle Jobs auf und setzte mich in Berlin im Prenzlauer Berg auf eine Parkbank. Dort schloss ich die Augen und versuchte herauszufinden, warum ich da saß.
Wer und was war ich? Was wollte ich? Hatte ich tatsächlich Hunger oder nur Appetit; lachte ich, weil es mich wirklich amüsierte, oder betrieb ich nur Smalltalk; lebte ich wirklich, oder tat ich es bloß auf jene Weise, die man von mir erwartete; war nicht ziemlich viel von dem bis dahin gelebte unbemerkte Heuchelei… et cetera, et cetera...
So schwebten meine Gedanken durch die raue Stadt und ich begann mich bald an Szenen aus meiner Kindheit zu erinnern: Wie ich jeden Morgen um 5 Uhr vom Radio meiner Großmutter mit bulgarischer Volksmusik geweckt wurde; wie ich die kleine weiche Katze der Nachbarn klaute, um sie ungestört an meinem Bauch zu reiben; wie wir als Kinder unsere Namen verkehrt herum sagten und so „rednaXELa“ entstand; wie ich mit meiner Oboe einen mit 500 Ostmark dotierten Talentenwettbewerb gewann und mir, zum Entsetzen meiner Mutter, davon heimlich ein Paar Alexandersittiche kaufte; wie unsere Haustür in Bulgarien mit Hakenkreuzen beschmiert wurde, weil wir in Deutschland lebten; wie ich die verhasste Erzieherin mitsamt Kindergartengruppe im Waschkeller einschloss, um nach Bulgarien zurück zu fliehen und daraufhin exmatrikuliert wurde; wie außerirdische Raumgleiter Tante Rosi's Maisfeld umkreisten; wie ich, seit ich denken kann, wusste, dass künstlerische Kreativität mein Dasein bestimmen wird; wie ich mich ständig zwischen Deutschland und Bulgarien hin und her gerissen fühlte...
Als ich dann so richtig weit weg mit den Gedanken war, holte mich eine vorbeispazierende Mutter mit ihrem kreischenden Kind in die berliner Realität zurück. Sie versuchte den Wicht mit einem Lied zu beruhigen und besang ihn mit einer auffällig melodischen Stimme. Und da kam mir plötzlich folgendes in den Sinn:
Musik als Sinn
Könnte nicht die Antwort, vielleicht der eigene Klang, die eigene Musik sein? Wie klang ein Mensch? Hatte jede Person ihre eigene Schwingung, einen Akkord, eine Melodie?
Mit 5 zwang mich meine Mutter in die Musikschule, damit ich Klavier und Blockflöte spielen lernte. Spaß hatte ich dann nicht nur Musik zu reproduzieren, sondern auch sie mir auszudenken. Aus dem Bauch heraus komponierte ich seit der Studienzeit. Bei den rein emotional entstandenen Stücken interessierte mich eine feste musikalische Form überhaupt nicht. Mich inspirierten barocker Kontrapunkt, bulgarischer Folk, Hardcoremetal und Zwölftonfilmmusik genauso wie Vogelgezwitscher, Pop oder der Rhythmus, der von fahrenden Eisenbahnrädern verursacht wird – es gab immer und überall interessante Dinge zu hören, selbst Nachts, wenn man fest zu schlafen glaubte, oder im Traum.
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